Was ist AuDHS?
AuDHS ist eine gebräuchliche, insbesondere in der neurodivergenten Community verwendete Bezeichnung für das gemeinsame Vorliegen von Autismus und ADHS. Es handelt sich nicht um eine eigenständige medizinische Diagnose.
Autismus und ADHS sind zwei eigenständige neuroentwicklungsbedingte Störungsbilder, die gleichzeitig auftreten können. Sie werden anhand unterschiedlicher diagnostischer Kriterien erfasst, können sich jedoch in einzelnen Merkmalen und ihren Auswirkungen auf den Alltag überschneiden. [1, 2, 3]
Bei Autismus stehen unter anderem Besonderheiten der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie eingeschränkte oder repetitive Verhaltensweisen und Interessen im Mittelpunkt. Dazu können sensorische Besonderheiten und ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit gehören.
ADHS ist durch anhaltende Merkmale von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet. Schwierigkeiten mit der Organisation, Steuerung und Umsetzung von Aufgaben können sich ebenfalls im Alltag bemerkbar machen.
Wenn Autismus und ADHS gemeinsam vorliegen, können unterschiedliche Merkmale und Bedürfnisse miteinander in Wechselwirkung stehen. Wie sich diese Kombination äußert, ist individuell verschieden.
Ein einheitliches, wissenschaftlich definiertes AuDHS-Profil gibt es nicht.
AuDHS-Symptome: Welche Merkmale können auftreten?
Viele Menschen suchen nach „AuDHS Symptome", weil sie bestimmte Erfahrungen bei sich selbst oder anderen besser einordnen möchten.
Wichtig ist dabei: Es gibt keine eigene diagnostische Symptomliste für AuDHS. Für die Diagnostik werden Autismus und ADHS jeweils anhand ihrer eigenen Kriterien beurteilt.
Dennoch können sich beim gemeinsamen Auftreten besondere Herausforderungen ergeben.
Struktur brauchen und Routinen schwer umsetzen können
Feste Abläufe können Orientierung und Sicherheit vermitteln. Gleichzeitig können Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation oder Handlungssteuerung dazu führen, dass es schwerfällt, diese Routinen zuverlässig einzuhalten.
Manche Menschen erleben deshalb eine Spannung zwischen dem Wunsch nach Beständigkeit und den Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung.
Reize vermeiden und nach Stimulation suchen
Bestimmte Geräusche, Lichtverhältnisse oder Berührungen können als unangenehm oder überwältigend erlebt werden. Andere Sinneseindrücke, beispielsweise selbst gewählte Musik oder Bewegung, können dagegen angenehm und anregend sein.
Bei Autismus sind sensorische Besonderheiten der Reizverarbeitung gut beschrieben. Auch Menschen mit ADHS können Schwierigkeiten erleben, störende Reize auszublenden. Daraus lässt sich allerdings kein allgemeines sensorisches AuDHS-Profil ableiten. [1, 2]
Intensive Interessen und Schwierigkeiten bei alltäglichen Aufgaben
Manche Menschen können sich sehr ausführlich mit einem interessanten Thema beschäftigen, während ihnen das Beginnen oder Abschließen anderer Tätigkeiten schwerfällt.
Dafür können unterschiedliche Faktoren verantwortlich sein, etwa Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeitssteuerung, Handlungsplanung, Überforderung oder der Wechsel zwischen Tätigkeiten.
Soziale Kontakte wünschen und Rückzug benötigen
Soziale Begegnungen können bereichernd sein und gleichzeitig Energie kosten. Dazu können Anforderungen an Kommunikation, Aufmerksamkeit und sensorische Verarbeitung beitragen.
Manche Menschen benötigen deshalb nach sozialen Aktivitäten bewusst Zeit für sich.
Diese Beispiele beschreiben mögliche Alltagserfahrungen. Sie sind weder bei allen Menschen mit AuDHS vorhanden noch ausschließlich für diese Kombination charakteristisch.
Ausführlicher Artikel: AuDHS-Symptome: 10 mögliche Merkmale im Alltag.
AuDHS bei Erwachsenen: Warum wird die Kombination manchmal spät erkannt?
Manche Menschen erfahren erst im Erwachsenenalter, dass sie autistisch sind und zusätzlich ADHS haben.
Das kann unterschiedliche Gründe haben. Möglicherweise wurde zunächst nur eines der beiden Störungsbilder erkannt. Vielleicht wurden Schwierigkeiten lange durch erlernte Strategien, Unterstützung oder günstige Lebensumstände ausgeglichen.
Manche autistische Menschen entwickeln zudem Anpassungsstrategien, die ihre Schwierigkeiten nach außen weniger sichtbar machen. Dieses Phänomen wird häufig als Masking oder Camouflaging beschrieben. Forschungsergebnisse zeigen Zusammenhänge zwischen Camouflaging und psychischen Belastungen. Daraus lässt sich jedoch nicht grundsätzlich ableiten, dass Masking eine späte Diagnose verursacht. [4]
Auch gesellschaftliche Vorstellungen können die Erkennung beeinflussen. Autismus und ADHS werden nicht bei allen Menschen auf dieselbe Weise sichtbar, und manche Schwierigkeiten werden zunächst anderen Ursachen zugeschrieben.
Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit über Erfahrungen mit Autismusdiagnosen im Erwachsenenalter beschreibt unter anderem Schwierigkeiten beim Zugang zur Diagnostik, unterschiedliche emotionale Reaktionen und die Bedeutung einer neuen Einordnung der eigenen Lebensgeschichte. Diese Ergebnisse beziehen sich auf Autismus und können nicht uneingeschränkt auf alle Menschen mit AuDHS übertragen werden. [5]
Ausführlicher Artikel: AuDHS bei Erwachsenen: Warum Autismus und ADHS manchmal erst spät erkannt werden.
AuDHS im Alltag: Wenn gute Ratschläge nicht funktionieren
„Mach dir einfach einen festen Tagesplan."
„Du musst nur konsequent dranbleiben."
„Arbeite deine Aufgaben der Reihe nach ab."
Vielleicht hast du solche Ratschläge schon gehört. Sie können hilfreich sein, passen aber nicht automatisch zu den Bedürfnissen jedes Menschen.
Ein starrer Tagesplan kann beispielsweise Orientierung bieten und gleichzeitig zusätzlichen Druck erzeugen. Eine flexible Arbeitsweise kann Freiraum schaffen, aber auch die Übersicht erschweren.
Bei AuDHS kann es deshalb sinnvoll sein, verschiedene Bedürfnisse gleichzeitig zu berücksichtigen.
Statt den gesamten Tag minutengenau festzulegen, könntest du mit wenigen festen Orientierungspunkten arbeiten. Vielleicht hilft dir eine gleichbleibende Morgenroutine, während du andere Aufgaben abhängig von deiner Energie und Konzentration einteilst.
Auch bei der Aufgabenorganisation gibt es keine Universallösung. Manche Menschen profitieren von visuellen Erinnerungen, andere benötigen möglichst wenige sichtbare Informationen. Einige arbeiten gut mit kurzen Zeitabschnitten, während andere längere ununterbrochene Arbeitsphasen bevorzugen.
Solche Strategien sind praktische Anregungen. Sie sind nicht automatisch wissenschaftlich geprüfte Behandlungsmethoden für AuDHS.
Entscheidend ist nicht, möglichst konsequent einer bestimmten Methode zu folgen, sondern herauszufinden, welche Bedingungen tatsächlich helfen.
Reizverarbeitung, Energie und Überforderung
Geräusche, Licht, Gerüche, Gespräche und digitale Informationen gehören zum Alltag. Wie diese Sinneseindrücke verarbeitet und bewertet werden, ist individuell verschieden.
Bei autistischen Menschen können sensorische Besonderheiten eine wichtige Rolle spielen. Manche Sinneseindrücke werden besonders intensiv wahrgenommen, andere weniger deutlich.
Bei ADHS können insbesondere Ablenkbarkeit und Schwierigkeiten mit der Steuerung von Aufmerksamkeit hinzukommen.
Für Menschen, bei denen beide Störungsbilder vorliegen, kann es deshalb hilfreich sein, ihre persönliche Reizumgebung genauer zu betrachten.
Vielleicht benötigst du beim Arbeiten Ruhe, findest aber gezielte Bewegungspausen angenehm. Vielleicht ist Musik hilfreich, solange du sie selbst auswählen und die Lautstärke kontrollieren kannst.
Es geht darum, zwischen belastenden und hilfreichen Reizen zu unterscheiden.
Mögliche Anpassungen sind ein ruhiger Arbeitsplatz, planbare Pausen, selbst gewählte sensorische Hilfsmittel oder die Möglichkeit, sich aus besonders belastenden Situationen zurückzuziehen.
Welche Maßnahmen sinnvoll sind, sollte sich nach deinen tatsächlichen Bedürfnissen richten.
AuDHS in Beziehungen und Kommunikation
Menschen mit AuDHS können unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe, Austausch, Spontaneität und Rückzug haben.
Schwierigkeiten entstehen manchmal nicht allein durch individuelle Merkmale, sondern auch durch unterschiedliche Erwartungen und unklare Absprachen.
Vielleicht möchtest du Zeit mit anderen verbringen, benötigst aber vorher Informationen über den Ablauf. Oder du freust dich auf ein Treffen und stellst anschließend fest, dass du mehr Erholung brauchst als erwartet.
Hier kann es helfen, Bedürfnisse möglichst konkret zu benennen.
Anstelle von „Ich brauche mehr Rücksicht" könnte eine Vereinbarung beispielsweise lauten: „Bitte sage mir möglichst früh Bescheid, wenn sich unsere Pläne ändern."
Auch Angehörige und Bezugspersonen profitieren davon, individuelle Bedürfnisse kennenzulernen, statt aus einer Diagnose auf bestimmte Verhaltensweisen zu schließen.
AuDHS und Neurodivergenz
Der Begriff Neurodivergenz beschreibt neurologische und kognitive Funktionsweisen, die von gesellschaftlich als typisch betrachteten Mustern abweichen.
Autismus und ADHS werden häufig unter dem Begriff Neurodivergenz eingeordnet. Neurodivergenz selbst ist jedoch keine medizinische Diagnose.
Diese Perspektive kann dazu beitragen, menschliche Unterschiede nicht ausschließlich als persönliche Defizite zu betrachten.
Gleichzeitig ist wichtig, tatsächliche Einschränkungen, Behinderungen und Unterstützungsbedürfnisse ernst zu nehmen. Eine wertschätzende Betrachtung neurodivergenter Menschen sollte Belastungen weder dramatisieren noch verharmlosen.
Ausführlicher Artikel: Neurodivergenz verstehen: Was bedeutet neurodivergent?.
AuDHS im Beruf
Berufliche Anforderungen können für Menschen mit AuDHS besondere Herausforderungen mit sich bringen. Dazu gehören beispielsweise häufige Unterbrechungen, unklare Arbeitsaufträge, spontane Änderungen oder eine belastende Reizumgebung.
Nicht jeder Mensch benötigt dieselben Anpassungen.
Manche profitieren von einem möglichst ruhigen Arbeitsplatz, andere von abwechslungsreichen Tätigkeiten oder der Möglichkeit, zwischendurch aufzustehen und sich zu bewegen.
Auch schriftliche Aufgabenstellungen, transparente Prioritäten und verlässliche Kommunikation können hilfreich sein.
Arbeitgeber sollten deshalb nicht versuchen, ein allgemeines Arbeitsmodell für alle Menschen mit AuDHS zu entwickeln. Sinnvoller ist es, gemeinsam mit den Beschäftigten passende Bedingungen zu erarbeiten.
AuDHS-Diagnostik: Wie werden Autismus und ADHS festgestellt?
Wenn du vermutest, dass bei dir Autismus und ADHS gemeinsam vorliegen könnten, kann eine qualifizierte diagnostische Abklärung sinnvoll sein.
Einen einzelnen medizinisch anerkannten Test, der AuDHS als eigenständige Diagnose bestätigt oder ausschließt, gibt es nicht.
Stattdessen werden Autismus und ADHS anhand ihrer jeweiligen diagnostischen Kriterien untersucht.
Dabei können die Entwicklungsgeschichte, aktuelle Merkmale, Auswirkungen auf unterschiedliche Lebensbereiche sowie mögliche andere oder zusätzlich bestehende Erkrankungen berücksichtigt werden.
Fragebögen und Screeningverfahren können Hinweise liefern, ersetzen aber keine umfassende fachliche Diagnostik. [1, 2]
Wenn beide Störungsbilder vermutet werden, ist eine diagnostische Stelle mit entsprechender Erfahrung besonders sinnvoll.