Neurodivergenz verstehen: Was bedeutet neurodivergent?

Vielleicht hast du den Begriff neurodivergent schon einmal gehört. In sozialen Medien, in Gesprächen über Autismus und ADHS oder im Zusammenhang mit Schule und Beruf begegnet er uns zunehmend häufiger.

Doch was bedeutet Neurodivergenz eigentlich? Ist neurodivergent eine Diagnose? Sind alle autistischen Menschen neurodivergent? Und was ist der Unterschied zwischen Neurodivergenz und Neurodiversität?

Hinter diesen Begriffen steht eine Perspektive auf menschliche Unterschiede, die zunehmend Bedeutung gewinnt: Nicht alle Menschen nehmen ihre Umgebung auf dieselbe Weise wahr, verarbeiten Informationen gleich oder haben dieselben Bedürfnisse.

Das klingt zunächst selbstverständlich. Im Alltag orientieren sich viele Erwartungen und Strukturen jedoch daran, wie die meisten Menschen funktionieren sollen.

Neurodivergenz beschreibt Menschen, deren neurologische oder kognitive Funktionsweisen von dem abweichen, was gesellschaftlich als typisch angesehen wird.

Dabei geht es nicht darum, Schwierigkeiten zu verharmlosen oder alle Unterschiede als besondere Begabungen darzustellen. Vielmehr soll ein differenzierter Blick auf Fähigkeiten, Einschränkungen und individuelle Bedürfnisse ermöglicht werden.

Was bedeutet Neurodivergenz?

Der Begriff Neurodivergenz beschreibt eine Abweichung von gesellschaftlich als typisch betrachteten neurokognitiven Funktionsweisen.

Eine Person wird als neurodivergent bezeichnet, wenn ihre Art, Informationen zu verarbeiten, zu lernen, Aufmerksamkeit zu steuern, zu kommunizieren oder ihre Umwelt wahrzunehmen, in relevanter Weise von vorherrschenden Erwartungen abweicht.

Neurodivergenz ist keine eigenständige medizinische Diagnose. Der Begriff entstammt einem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs über neurologische Vielfalt und wird nicht als separate Diagnose in der ICD-11 oder im DSM-5-TR geführt.

Zu den häufig genannten Formen von Neurodivergenz gehören Autismus und ADHS. Je nach Begriffsverständnis werden auch Legasthenie, Dyskalkulie, Dyspraxie und weitere neurologische oder neurokognitive Unterschiede einbezogen.

Welche Bedingungen genau unter Neurodivergenz fallen, ist allerdings nicht abschließend und allgemeinverbindlich festgelegt. Das liegt auch daran, dass Neurodivergenz kein einheitliches medizinisches Klassifikationssystem ist. [1, 2]

Neurodivergenz und Neurodiversität: Was ist der Unterschied?

Die Begriffe klingen ähnlich und werden häufig miteinander verwechselt. Dabei bezeichnen sie unterschiedliche Dinge.

Neurodiversität beschreibt die Vielfalt neurologischer und kognitiver Funktionsweisen innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft.

Diese Vielfalt umfasst alle Menschen. Auch neurotypische Menschen sind Teil der menschlichen Neurodiversität.

Neurodivergenz bezeichnet dagegen eine bestimmte Abweichung von dem, was als neurokognitiv typisch gilt.

Neurotypisch beschreibt Menschen, deren neurokognitive Entwicklung und Funktionsweisen weitgehend den gesellschaftlich erwarteten Mustern entsprechen.

Diese Begriffe sind beschreibende Konzepte. Sie lassen sich nicht mit einem einzelnen medizinischen Test eindeutig voneinander abgrenzen.

Ein einfaches Beispiel

Stell dir eine Gruppe von Menschen vor, die gemeinsam an einem Projekt arbeiten.

Einige benötigen möglichst ruhige Arbeitsbedingungen. Andere können sich besser konzentrieren, wenn sie sich bewegen dürfen. Manche bevorzugen spontane Gespräche, andere möchten Informationen schriftlich erhalten.

Die Unterschiede innerhalb dieser Gruppe veranschaulichen Neurodiversität.

Wenn eine Person beispielsweise aufgrund von Autismus oder ADHS neurokognitive Besonderheiten aufweist, die von den üblichen Erwartungen abweichen, kann sie als neurodivergent bezeichnet werden.

Dabei gilt:

  • Eine einzelne Person kann neurodivergent sein.
  • Eine Gruppe von Menschen kann neurodivers sein.
  • Neurodiversität umfasst neurodivergente und neurotypische Menschen.

Der Satz „Wir brauchen mehr Neurodiversität" ist deshalb nicht immer präzise. Wenn es beispielsweise um eine stärkere Beteiligung bislang unterrepräsentierter neurodivergenter Menschen geht, sollte das auch entsprechend benannt werden.

Woher kommt der Begriff Neurodiversität?

Das Konzept der Neurodiversität entwickelte sich in den 1990er-Jahren im Umfeld autistischer Selbstvertretung und früher Online-Communities.

Die australische Soziologin Judy Singer und der Journalist Harvey Blume prägten seine frühe öffentliche und akademische Verbreitung maßgeblich.

Die Entstehung lässt sich jedoch nicht überzeugend einer einzelnen Person zuschreiben. Bereits zuvor hatten autistische Menschen über neurologische Vielfalt, gesellschaftliche Normen und Selbstbestimmung diskutiert. [1, 3]

In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus eine breitere Neurodiversitätsbewegung.

Sie setzt sich unter anderem dafür ein, dass neurologische Unterschiede nicht ausschließlich unter Defizitgesichtspunkten betrachtet werden und neurodivergente Menschen stärker an Entscheidungen beteiligt werden, die ihr Leben betreffen.

Die Begriffe neurodivergent und Neurodivergenz wurden später insbesondere durch die Selbstvertretungsbewegung verbreitet.

Welche Formen von Neurodivergenz gibt es?

Neurodivergenz ist ein Oberbegriff, keine eigene diagnostische Kategorie. Deshalb gibt es keine weltweit verbindliche Liste aller Formen.

Einige Bedingungen werden besonders häufig in diesem Zusammenhang genannt.

Autismus

Autismus ist eine neuroentwicklungsbedingte Besonderheit, die in medizinischen Klassifikationen als Autismus-Spektrum-Störung eingeordnet wird.

Autistische Menschen können sich insbesondere hinsichtlich sozialer Kommunikation, Interaktion, Interessen, Routinen und sensorischer Verarbeitung von nichtautistischen Menschen unterscheiden.

Die Ausprägungen sind sehr individuell. Manche autistische Menschen leben weitgehend selbstständig, andere benötigen in vielen Lebensbereichen umfangreiche Unterstützung.

Autismus ist eine häufig genannte Form von Neurodivergenz.

ADHS

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist ein neuroentwicklungsbedingtes Störungsbild.

ADHS kann sich unter anderem durch Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulsivität, Aktivitätsregulation und Alltagsorganisation zeigen.

Das bedeutet nicht, dass Menschen mit ADHS grundsätzlich unkonzentriert sind oder keine Aufgaben bewältigen können. Entscheidend sind die konkreten Merkmale, ihre Ausprägung und ihre Auswirkungen auf den Alltag.

Auch ADHS wird häufig dem Begriff Neurodivergenz zugeordnet.

AuDHS – Autismus und ADHS gemeinsam

Autismus und ADHS können gleichzeitig vorliegen.

Diese Kombination wird häufig als AuDHS bezeichnet. Der Begriff ist keine eigenständige medizinische Diagnose.

Manche Menschen mit AuDHS erleben besondere Spannungsfelder zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen, beispielsweise zwischen dem Wunsch nach festen Routinen und Schwierigkeiten, diese zuverlässig umzusetzen.

Andere erleben die Kombination ganz anders.

Ein eigenständiges, wissenschaftlich klar definiertes AuDHS-Symptomprofil gibt es nicht.

Legasthenie

Legasthenie bezeichnet besondere Schwierigkeiten beim Erwerb und bei der Anwendung von Lese- und Rechtschreibfähigkeiten.

Sie ist nicht Ausdruck mangelnder Intelligenz oder fehlender Anstrengung.

Je nach verwendetem Begriffsrahmen wird Legasthenie ebenfalls als Form von Neurodivergenz verstanden.

Dyskalkulie

Bei Dyskalkulie bestehen ausgeprägte und anhaltende Schwierigkeiten beim Erwerb mathematischer Grundfertigkeiten beziehungsweise beim Umgang mit Zahlen und Rechenoperationen.

Die Schwierigkeiten lassen sich nicht allein durch mangelnde Übung oder fehlende Motivation erklären.

Auch Dyskalkulie wird in vielen Darstellungen unter Neurodivergenz eingeordnet.

Dyspraxie und Entwicklungsstörungen der motorischen Koordination

Bei einer Entwicklungsstörung der motorischen Koordination können Planung, Koordination und Ausführung von Bewegungen erschwert sein.

Das kann sich beispielsweise beim Schreiben, bei feinmotorischen Aufgaben oder bei alltäglichen Bewegungsabläufen bemerkbar machen.

Der Begriff Dyspraxie wird je nach Land und fachlichem Zusammenhang unterschiedlich verwendet.

Weitere neurokognitive Unterschiede

Auch das Tourette-Syndrom und weitere neurologische oder psychische Bedingungen werden in manchen Definitionen von Neurodivergenz berücksichtigt.

Hier ist eine wichtige Einschränkung notwendig: Es gibt keine allgemein anerkannte Grenze zwischen allen Formen von Neurodivergenz, neurologischen Erkrankungen und psychischen Erkrankungen.

Deshalb sollte aus der Verwendung des Begriffs nicht automatisch auf eine medizinische Diagnose oder ein bestimmtes Störungsbild geschlossen werden.

Bedeutet neurodivergent, eine Behinderung zu haben?

Nicht zwangsläufig. Neurodivergenz und Behinderung sind unterschiedliche Begriffe, die sich überschneiden können.

Neurodivergenz beschreibt neurokognitive Unterschiede. Behinderung bezieht sich auf längerfristige Beeinträchtigungen, die in Wechselwirkung mit Barrieren die gleichberechtigte Teilhabe erschweren können.

Ein neurodivergenter Mensch kann behindert sein. Eine andere neurodivergente Person erlebt möglicherweise weniger Einschränkungen oder identifiziert sich selbst nicht als behindert.

Wichtig ist auch die rechtliche Unterscheidung: Ob im Einzelfall eine Behinderung oder Schwerbehinderung im rechtlichen Sinne vorliegt, richtet sich nach den dafür geltenden Voraussetzungen und kann nicht allein aus der Bezeichnung neurodivergent abgeleitet werden.

Der Begriff Neurodivergenz sollte tatsächliche Behinderungen und Unterstützungsbedürfnisse nicht unsichtbar machen.

Ebenso wenig sollte eine Diagnose dazu führen, Menschen pauschal bestimmte Fähigkeiten abzusprechen.

Neurodivergent oder neurotypisch: Was ist eigentlich normal?

Im Alltag sprechen wir häufig davon, dass sich jemand „normal" oder „anders" verhält.

Doch solche Einordnungen hängen stark davon ab, welche Erwartungen in einer bestimmten Umgebung gelten.

Beispielsweise werden in vielen Arbeitsumgebungen spontane Kommunikation, längeres Sitzen, gleichzeitige Aufmerksamkeit für mehrere Informationsquellen und flexible Aufgabenwechsel erwartet.

Menschen, die unter anderen Bedingungen besser arbeiten, können dadurch Nachteile erleben.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sämtliche Schwierigkeiten ausschließlich durch gesellschaftliche Erwartungen entstehen.

Einige neurokognitive Besonderheiten können unabhängig von äußeren Barrieren erhebliche Belastungen oder Einschränkungen mit sich bringen.

Die Neurodiversitätsperspektive regt deshalb an, sowohl individuelle Voraussetzungen als auch die Gestaltung der Umgebung zu betrachten.

Ist Neurodivergenz eine Krankheit?

Neurodivergenz selbst ist keine Krankheit und keine medizinische Diagnose.

Allerdings können sich unter dem Begriff Menschen mit unterschiedlichen diagnostizierten Störungsbildern, Behinderungen oder Erkrankungen wiederfinden.

Autismus und ADHS werden beispielsweise in medizinischen Klassifikationssystemen als neuroentwicklungsbedingte Störungsbilder erfasst.

Diese medizinische Einordnung und die Neurodiversitätsperspektive müssen sich nicht gegenseitig ausschließen.

Eine Person kann ihre neurologischen Besonderheiten als wichtigen Teil ihrer Identität verstehen und gleichzeitig unter bestimmten Merkmalen erheblich leiden oder medizinische Unterstützung benötigen.

Es ist daher zu vereinfacht, Neurodivergenz grundsätzlich als Krankheit oder grundsätzlich als besondere Stärke zu beschreiben.

Neurodivergenz ist nicht automatisch eine besondere Begabung

In sozialen Medien wird Neurodivergenz manchmal mit außergewöhnlicher Kreativität, hoher Intelligenz, besonderer Wahrnehmung oder ausgeprägten Spezialfähigkeiten verbunden.

Einige neurodivergente Menschen verfügen tatsächlich über individuelle Stärken in bestimmten Bereichen.

Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass Neurodivergenz grundsätzlich mit besonderen Begabungen verbunden ist.

Auch neurotypische Menschen können kreativ, analytisch oder besonders detailorientiert sein.

Umgekehrt haben neurodivergente Menschen nicht die Aufgabe, ihre Unterschiede durch außergewöhnliche Leistungen zu rechtfertigen.

Der Wert eines Menschen hängt nicht davon ab, ob seine neurokognitiven Besonderheiten gesellschaftlich als nützlich angesehen werden.

Wie zeigt sich Neurodivergenz im Alltag?

Es gibt keine einheitlichen Symptome von Neurodivergenz, da der Begriff unterschiedliche neurokognitive Besonderheiten umfasst.

Dennoch können bestimmte Themen für manche neurodivergente Menschen eine Rolle spielen.

Informationsverarbeitung

Manche Menschen benötigen mehr Zeit, um gesprochene Informationen einzuordnen, oder profitieren von schriftlichen Anweisungen.

Andere können Informationen in bestimmten Bereichen schnell und detailliert verarbeiten, haben aber Schwierigkeiten, mehrere Anforderungen gleichzeitig zu berücksichtigen.

Reizverarbeitung

Geräusche, Licht, Berührungen und andere Sinneseindrücke können individuell sehr unterschiedlich erlebt werden.

Manche Menschen profitieren von reizarmen Umgebungen, andere von gezielten zusätzlichen Sinneseindrücken.

Kommunikation

Unterschiedliche Kommunikationsweisen können zu Missverständnissen führen, besonders wenn Erwartungen nicht ausdrücklich benannt werden.

Eine klare Kommunikation kann deshalb hilfreich sein, ohne dass sich alle Menschen auf denselben Kommunikationsstil festlegen müssen.

Organisation und Aufmerksamkeit

Einige neurodivergente Menschen erleben Schwierigkeiten mit Aufgabenbeginn, Zeitmanagement, Konzentration oder Handlungsplanung.

Ob und in welcher Form diese auftreten, hängt unter anderem vom zugrunde liegenden Störungsbild und von individuellen Faktoren ab.

Erholung und Energie

Bestimmte Umgebungen oder Anforderungen können mehr Energie beanspruchen als andere.

Hilfreich kann sein, persönliche Belastungsfaktoren zu erkennen und ausreichend Erholungsmöglichkeiten einzuplanen.

Diese Erfahrungen sind Beispiele und nicht spezifisch für Neurodivergenz. Auch neurotypische Menschen können entsprechende Schwierigkeiten erleben.

Welche Bedeutung hat Neurodivergenz in Schule und Beruf?

Viele Bildungs- und Arbeitsumgebungen orientieren sich an einheitlichen Erwartungen.

Alle sollen Informationen auf dieselbe Weise aufnehmen, sich ähnlich lange konzentrieren, vergleichbar kommunizieren und Aufgaben nach denselben Abläufen bearbeiten.

Solche Strukturen passen jedoch nicht zu allen Menschen gleichermaßen.

Neurodivergente Menschen können von individuell angepassten Rahmenbedingungen profitieren.

Klare Kommunikation

Schriftliche Aufgabenstellungen, eindeutige Zuständigkeiten und nachvollziehbare Prioritäten können Missverständnisse reduzieren.

Unterschiedliche Arbeitsumgebungen

Manche Menschen benötigen ruhige Arbeitsplätze oder die Möglichkeit, störende Reize zu reduzieren.

Andere profitieren von Bewegungspausen oder individuell gestalteten Arbeitsabläufen.

Planbarkeit

Frühzeitige Informationen über Änderungen, klare Zeitangaben und realistische Übergangsfristen können die Orientierung erleichtern.

Individuelle Unterstützung

Nicht jede neurodivergente Person benötigt dieselben Hilfen.

Deshalb sollten Anpassungen möglichst gemeinsam mit der betroffenen Person entwickelt werden.

Solche Veränderungen können auch neurotypischen Menschen zugutekommen.

Wichtig ist, nicht aus einer Diagnose oder Selbstbezeichnung unmittelbar auf Fähigkeiten, Belastbarkeit oder Unterstützungsbedarf zu schließen.

Wie können Angehörige neurodivergente Menschen unterstützen?

Angehörige möchten häufig helfen, wissen aber nicht immer, welche Unterstützung tatsächlich erwünscht ist.

Gut gemeinte Ratschläge wie „Du musst dich einfach mehr konzentrieren" oder „Versuch doch, etwas spontaner zu sein" können an den eigentlichen Schwierigkeiten vorbeigehen.

Hilfreicher ist es, konkrete Situationen zu betrachten.

Welche Anforderungen sind belastend? Welche Bedingungen erleichtern den Alltag? Welche Unterstützung wird gewünscht, und was sollte die Person möglichst selbst entscheiden können?

Manchmal genügt eine klare Absprache. In anderen Situationen sind umfangreichere Anpassungen oder fachliche Unterstützungsangebote notwendig.

Die Grundlage ist, individuelle Erfahrungen ernst zu nehmen, ohne aus der Bezeichnung neurodivergent pauschale Schlussfolgerungen zu ziehen.

Woher weiß ich, ob ich neurodivergent bin?

Vielleicht erkennst du dich in einigen beschriebenen Erfahrungen wieder und fragst dich, ob du selbst neurodivergent bist.

Ein einzelner medizinischer Neurodivergenz-Test existiert nicht.

Da Neurodivergenz ein übergeordneter, nichtdiagnostischer Begriff ist, gibt es auch keine einheitlichen diagnostischen Kriterien dafür.

Wenn du beispielsweise Autismus oder ADHS bei dir vermutest, kann es sinnvoll sein, dich mit den jeweiligen diagnostischen Merkmalen auseinanderzusetzen.

Dabei sollte die Frage nach einer Diagnose nicht allein davon abhängen, ob du dich in allgemeinen Erfahrungsberichten wiedererkennst.

Wenn du seit längerer Zeit unter erheblichen Schwierigkeiten leidest oder dir Klarheit über mögliche Ursachen wünschst, kann eine qualifizierte fachliche Abklärung hilfreich sein.

Du darfst dich unabhängig davon mit deinen individuellen Bedürfnissen beschäftigen und passende Alltagshilfen ausprobieren.

Häufige Fragen zur Neurodivergenz

Was bedeutet neurodivergent einfach erklärt?

Neurodivergent bedeutet, dass die neurokognitiven Funktionsweisen eines Menschen in relevanter Weise von dem abweichen, was gesellschaftlich als typisch betrachtet wird. Der Begriff ist keine eigenständige medizinische Diagnose.

Was ist der Unterschied zwischen Neurodiversität und Neurodivergenz?

Neurodiversität bezeichnet die neurologische Vielfalt innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft. Neurodivergenz beschreibt dagegen neurokognitive Funktionsweisen, die von gesellschaftlich als typisch betrachteten Mustern abweichen.

Ist Autismus eine Form von Neurodivergenz?

Ja. Autismus gehört zu den am häufigsten genannten Formen von Neurodivergenz.

Gehört ADHS zur Neurodivergenz?

Ja. Auch ADHS wird häufig als Form von Neurodivergenz eingeordnet.

Ist Neurodivergenz eine Krankheit?

Neurodivergenz selbst ist keine medizinische Diagnose und keine Krankheit. Der Begriff kann jedoch Menschen einschließen, bei denen diagnostizierte Störungsbilder, Behinderungen oder Erkrankungen vorliegen.

Ist jeder Mensch neurodivergent?

Nein. Alle Menschen sind Teil der menschlichen Neurodiversität, aber nicht jeder Mensch wird als neurodivergent bezeichnet.

Kann man neurodivergent sein, ohne eine Diagnose zu haben?

Ja. Neurodivergenz ist ein nichtdiagnostischer Begriff. Eine Person kann sich als neurodivergent verstehen, ohne dass bereits eine medizinische Diagnose vorliegt. Daraus lässt sich allerdings keine bestimmte Erkrankung ableiten.

Sind alle neurodivergenten Menschen hochbegabt?

Nein. Neurodivergenz sagt für sich genommen nichts darüber aus, ob jemand hochbegabt ist. Fähigkeiten und Unterstützungsbedürfnisse sind individuell verschieden.

Fazit: Neurodivergenz bedeutet, Unterschiede ernst zu nehmen

Neurodivergenz beschreibt Menschen, deren neurokognitive Funktionsweisen von gesellschaftlich als typisch betrachteten Mustern abweichen.

Das Konzept der Neurodiversität erinnert daran, dass unterschiedliche Arten des Denkens, Wahrnehmens und Lernens zur menschlichen Vielfalt gehören.

Diese Perspektive kann helfen, starre Vorstellungen von Normalität zu hinterfragen und individuelle Bedürfnisse besser zu berücksichtigen.

Gleichzeitig sollten wir nicht übersehen, dass neurodivergente Menschen erhebliche Einschränkungen erleben und Unterstützung benötigen können.

Es geht weder darum, Schwierigkeiten zu verharmlosen, noch darum, Unterschiede grundsätzlich als Defizite zu betrachten.

Entscheidend ist, Menschen mit ihren individuellen Fähigkeiten, Belastungen und Bedürfnissen wahrzunehmen – und Bedingungen zu schaffen, unter denen sie möglichst selbstbestimmt leben können.

AUTISMUS kompakt verbindet dafür verständliche Informationen mit wissenschaftlicher Einordnung und konkreten Anregungen für den Alltag.

Wissenschaftliche Grundlagen

  1. Pellicano, E. & den Houting, J. (2022): Annual Research Review: Shifting from 'normal science' to neurodiversity in autism science. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 63(4), 381–396. Zur Quelle (öffnet auf einer anderen Website)
  2. National Autism Implementation Team (2022): Neurodevelopmental disorders and neurodiversity: definition of terms from Scotland's National Autism Implementation Team. The British Journal of Psychiatry. Zur Quelle (öffnet auf einer anderen Website)
  3. National Autistic Society: The neurodiversity movement. Zur Quelle (öffnet auf einer anderen Website)
  4. Cleveland Clinic (2022): Neurodivergent: What It Is, Symptoms & Types. Zur Quelle (öffnet auf einer anderen Website)

Hinweis: Das Erscheinungsjahr der Quelle [2] wurde entsprechend der redaktionellen Vorgabe von 2023 auf 2022 korrigiert.

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