Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte
Routinen, Veränderungen & Vorhersehbarkeit
Kurz gesagt: Warum Routinen Sicherheit geben können, wann sie problematisch werden – und wie Veränderungen leichter zu bewältigen sind.
Praktische Strategien für konkrete Veränderungssituationen im Alltag findest du auch im Bereich Alltag & Leben. Wenn es speziell um mehrdeutige Regeln und erlebte Ungerechtigkeit geht: Autismus, Regeln und Gerechtigkeit.
Für autistische Menschen
Routinen können dir Sicherheit, Orientierung und Entlastung geben. Das bedeutet nicht automatisch, dass du unfähig bist, Veränderungen zu bewältigen.
Oft macht es einen großen Unterschied, ob eine Veränderung plötzlich geschieht oder ob du vorher weißt:
- was sich ändert,
- wann es passiert,
- wie lange es dauert,
- was gleich bleibt,
- welche Alternativen es gibt.
Wenn dir Routinen helfen, musst du sie nicht allein deshalb abbauen, weil andere sie ungewöhnlich finden. Problematisch werden sie vor allem dann, wenn sie dir selbst erheblich schaden oder deinen Alltag stark einschränken.
Für Angehörige
Wenn eine autistische Person stark an Routinen festhält, kann das für Angehörige manchmal schwierig sein. Routinen können jedoch Orientierung schaffen und Unsicherheit reduzieren.
Das bedeutet nicht, dass jede Routine für die gesamte Familie unveränderbar sein muss.
Gute Unterstützung bedeutet Aushandlung
- Was muss möglichst stabil bleiben?
- Wo ist Flexibilität möglich?
- Welche Veränderungen können früh angekündigt werden?
- Welche Alternativen gibt es?
Unterstützung bedeutet nicht, dass alle anderen Familienmitglieder ihre Bedürfnisse dauerhaft aufgeben müssen.
Für Fachkräfte
Restriktive beziehungsweise repetitive Verhaltensweisen und ein Bedürfnis nach Gleichförmigkeit können diagnostisch relevant sein. In der Praxis sollte dennoch die Funktion eines konkreten Verhaltens betrachtet werden.
Eine Routine kann Orientierung schaffen, kognitive Anforderungen reduzieren, Unsicherheit begrenzen, Regulation unterstützen oder schlicht bevorzugt werden.
Ein in der Forschung verwendetes Konzept dafür ist Intoleranz gegenüber Ungewissheit: die Schwierigkeit, mit unklaren, unvorhersehbaren oder mehrdeutigen Situationen umzugehen. Mehrere Arbeiten beschreiben sie als einen zentralen Faktor, der Angst bei Autismus mitbestimmt (Boulter et al., 2014; South & Rodgers, 2017) – Festhalten an Routinen kann in diesem Rahmen auch als Strategie verstanden werden, Ungewissheit aktiv zu reduzieren, nicht nur als Selbstzweck.
Nicht jede Routine ist behandlungsbedürftig. Intervention sollte sich daran orientieren, ob ein Verhalten für die Person selbst oder ihre Teilhabe tatsächlich problematisch ist. Bei notwendigen Veränderungen helfen häufig transparente Vorbereitung, konkrete Informationen und vorhersehbare Abläufe.
Passendes Arbeitsblatt
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Veränderungen vorbereiten
Checkliste zur Vorbereitung auf anstehende Veränderungen: Was verändert sich, was bleibt gleich und was ist noch unklar?
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Stand:
Quellen
- WHO: ICD-11, Autism spectrum disorder (6A02), Clinical Descriptions and Diagnostic Requirements (öffnet auf einer anderen Website)
- NICE CG142: Autism spectrum disorder in adults: diagnosis and management (öffnet auf einer anderen Website)
- NICE CG170: Autism spectrum disorder in under 19s: support and management (öffnet auf einer anderen Website)
- Boulter, C., Freeston, M., South, M. & Rodgers, J. (2014): Intolerance of Uncertainty as a Framework for Understanding Anxiety in Children and Adolescents with Autism Spectrum Disorders. Journal of Autism and Developmental Disorders, 44(6), 1391–1402 (öffnet auf einer anderen Website)
- South, M. & Rodgers, J. (2017): Sensory, Emotional and Cognitive Contributions to Anxiety in Autism Spectrum Disorders. Frontiers in Human Neuroscience, 11, 20 (öffnet auf einer anderen Website)