Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte
Autismus, Regeln und Gerechtigkeit: Wenn Eindeutigkeit fehlt
Kurz gesagt: Klare Regeln können Sicherheit geben – aber viele Alltagssituationen sind mehrdeutig oder werden uneinheitlich gehandhabt. Warum das besonders belasten kann und was helfen kann.
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Für autistische Menschen
Klare, konsistente Regeln können Orientierung geben: Wenn bekannt ist, was gilt, muss nicht jede Situation neu interpretiert werden. Viele Alltags- und soziale Situationen sind aber nicht eindeutig – Regeln haben Ausnahmen, werden unterschiedlich ausgelegt oder hängen vom Kontext ab, ohne dass das offen gesagt wird.
Wenn Eindeutigkeit fehlt
“Man darf nicht lügen” trifft auf eine Notlüge genauso wie auf eine bewusste Täuschung – trotzdem werden beide gesellschaftlich sehr unterschiedlich bewertet. Solche unausgesprochenen Ausnahmen können verwirrend oder belastend sein, wenn eine Regel eigentlich als fest und allgemeingültig gelernt wurde.
Wenn Regeln ungleich angewendet werden
Besonders belastend kann es sein, wenn dieselbe Regel bei verschiedenen Personen unterschiedlich durchgesetzt wird – etwa wenn eine Verspätung bei einer Person toleriert, bei einer anderen aber sanktioniert wird. Ein solches Erleben von Ungerechtigkeit kann noch lange nachwirken: Der Gedanke daran kehrt immer wieder zurück, ohne dass sich dadurch etwas an der Situation ändert. Dieses wiederkehrende Grübeln ist ein bekanntes psychologisches Muster und kein Zeichen von Nachtragendsein – es bindet jedoch viel Energie und kann zusätzlich erschöpfen.
Vertrauen kann erschüttert werden
Wenn Regeln wiederholt inkonsistent gehandhabt werden, kann das Grundvertrauen in Institutionen, Autoritätspersonen oder soziale Abläufe beeinträchtigen. Das ist eine nachvollziehbare Reaktion auf erlebte Unvorhersehbarkeit, keine Charaktereigenschaft.
Wichtig: Das bedeutet nicht, dass autistische Menschen grundsätzlich “ehrlicher” oder “gerechter” sind als andere. Der Wunsch nach Konsistenz und das Unbehagen bei Doppelstandards sind menschlich verbreitet; bei manchen autistischen Menschen kann die Diskrepanz zwischen gelernter Regel und erlebter Praxis aber besonders deutlich auffallen und besonders schwer zu übergehen sein.
Was helfen kann
- Regeln möglichst konkret formulieren und Ausnahmen, wo möglich, benennen statt stillschweigend voraussetzen.
- Bei erlebter Ungerechtigkeit die Situation einmal konkret aufschreiben, statt sie im Kopf endlos weiterzudrehen.
- Unterscheiden zwischen Dingen, die sich ändern lassen, und solchen, die akzeptiert werden müssen, auch wenn das schwerfällt.
- Vertrauenspersonen suchen, mit denen Unklarheiten offen besprochen werden können.
Für Angehörige
Wenn eine autistische Person wiederholt auf einer wörtlichen oder konsequenten Auslegung einer Regel beharrt, steckt dahinter meist nicht Starrheit um ihrer selbst willen, sondern der Wunsch nach einer verlässlichen, nachvollziehbaren Grundlage. Erklärungen, warum eine Ausnahme gilt oder warum zwei ähnliche Situationen unterschiedlich behandelt werden, können helfen – auch wenn sie die grundsätzliche Unsicherheit nicht vollständig auflösen.
Wenn jemand ein erlebtes Unrecht immer wieder anspricht, ist das selten reine Nachtragendheit. Hilfreicher als “Lass es doch einfach gut sein” kann sein, einmal konkret zu klären, was genau als ungerecht erlebt wurde und ob sich daran etwas ändern lässt.
Für Fachkräfte
Ein starkes Bedürfnis nach eindeutigen, konsistent angewendeten Regeln lässt sich gut im Rahmen von Intoleranz gegenüber Ungewissheit einordnen – einem Konstrukt, das in der Forschung mit Angst bei Autismus in Verbindung gebracht wird. Mehrdeutige oder inkonsistent gehandhabte Regeln erhöhen die erlebte Unsicherheit zusätzlich.
Wiederkehrendes Grübeln über erlebte Ungerechtigkeit sollte nicht vorschnell als Sturheit oder fehlende Vergebungsbereitschaft interpretiert werden. In Beratung oder Begleitung kann es hilfreich sein, konkrete Situationen zu strukturieren (Was genau ist passiert? Was wäre eine faire Lösung? Was ist veränderbar?), statt die wiederkehrenden Gedanken allein als Problem zu behandeln.
Stand:
Quellen
- Boulter, C., Freeston, M., South, M. & Rodgers, J. (2014): Intolerance of Uncertainty as a Framework for Understanding Anxiety in Children and Adolescents with Autism Spectrum Disorders. Journal of Autism and Developmental Disorders, 44(6), 1391–1402 (öffnet auf einer anderen Website)
- Nolen-Hoeksema, S., Wisco, B. E. & Lyubomirsky, S. (2008): Rethinking Rumination. Perspectives on Psychological Science, 3(5), 400–424 (öffnet auf einer anderen Website)