Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte
Autismus und ADHS
Kurz gesagt: Autismus und ADHS können gleichzeitig vorkommen. Warum eine Diagnose die andere nicht 'verschlucken' sollte – und wie sich Überschneidungen im Alltag einordnen lassen.
Für autistische Menschen
Autismus und ADHS können gleichzeitig vorkommen. Beide sind eigenständige neuroentwicklungsbezogene Diagnosen. In großen Übersichtsarbeiten gehört ADHS zu den häufigen koexistierenden Diagnosen bei autistischen Menschen.
Im Alltag können sich einzelne Schwierigkeiten ähnlich anfühlen: Aufgaben beginnen, Aufmerksamkeit halten, zwischen Tätigkeiten wechseln, Dinge organisieren oder Impulse steuern. Aus solchen Überschneidungen lässt sich aber nicht allein ableiten, welche Diagnose dahintersteckt.
Mein Tipp: Wenn du trotz bekannter Autismusdiagnose starke Aufmerksamkeits-, Organisations- oder Impulsivitätsprobleme hast, kann eine eigenständige ADHS-Abklärung sinnvoll sein. Eine Diagnose sollte nicht die andere verschlucken.
Mehr zur Abgrenzung verschiedener Diagnosen: Differenzialdiagnostik.
Wenn beides gleichzeitig zutrifft (“AuDHS”)
Außerhalb offizieller Diagnosekriterien hat sich umgangssprachlich der Begriff “AuDHS” für die Kombination aus Autismus und ADHS etabliert. Er ist kein eigenständiger Diagnosebegriff, beschreibt aber eine reale Alltagserfahrung: Autismus kann das Bedürfnis nach klarer Struktur und Vorhersehbarkeit erhöhen, während ADHS gleichzeitig Abwechslung, Impulsivität und Schwierigkeiten mit starrer Routine mitbringen kann. Beide Anteile können sich gegenseitig verstärken oder scheinbar widersprechen – ein vollständig durchgeplanter Tag kann zu starr wirken, ein völlig offener Tag dagegen zu wenig Halt bieten.
Ein Fachreview zur Überlappung beider Diagnosen (Antshel & Russo, 2019) weist darauf hin, dass Autismus und ADHS gemeinsame Beeinträchtigungen in sozialer Funktion und exekutiven Funktionen zeigen können, sich aber in der konkreten Ausprägung deutlich unterscheiden – und dass eine Behandlung beide Diagnosen berücksichtigen sollte, wenn beide vorliegen. Einfache Ratschläge wie “Du musst dir nur einen Plan machen” greifen bei dieser Kombination oft zu kurz, weil starre Pläne am ADHS-Anteil scheitern können und völlig offene Strukturen am Autismus-Anteil. Hilfreicher kann ein flexibles Gerüst sein: feste Ankerpunkte (z. B. Aufstehzeit, Mahlzeiten) kombiniert mit bewusst freien, nicht vollständig durchgeplanten Abschnitten dazwischen.
Eine ausführlichere, eigene Themenwelt zu dieser Kombination findest du unter AuDHS verstehen: Wenn Autismus und ADHS zusammenkommen – mit vertiefenden Artikeln zu möglichen Merkmalen und zur Diagnostik im Erwachsenenalter.
Für Angehörige
ADHS und Autismus können gleichzeitig vorkommen und sich in einzelnen Alltagssituationen überlappen. Konzentrationsprobleme, Aufgabenwechsel oder Organisation können deshalb nicht zuverlässig allein von außen einer Diagnose zugeordnet werden.
Wenn du einen Verdacht hast, beschreibe lieber konkrete Situationen: Was gelingt nicht? Seit wann? In welchen Umgebungen? Welche Folgen hat es? Das ist hilfreicher als “Das ist bestimmt auch ADHS”.
Bei erwachsenen Angehörigen gilt: Du kannst eine Abklärung anregen und bei Wunsch unterstützen. Die Entscheidung darüber, ob eine Diagnostik gewünscht ist, liegt grundsätzlich bei der Person selbst.
Für Fachkräfte
ADHS gehört in großen Meta-Analysen zu den häufigen koexistierenden neuroentwicklungsbezogenen Diagnosen bei Autismus. Symptomatische Überlappungen betreffen unter anderem Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen, Aufgabenwechsel und Regulation.
Für die Differentialdiagnostik reicht die phänotypische Ähnlichkeit nicht. Entwicklungsverlauf, Funktionszusammenhang, Kontextbreite und für ADHS typische Kernsymptome müssen eigenständig beurteilt werden.
Eine bestehende Autismusdiagnose sollte eine ADHS-Abklärung bei klinischem Verdacht nicht verhindern; umgekehrt erklärt ADHS keine autistischen Kernmerkmale.
Einordnung des übergeordneten Begriffs: Neurodivergenz verstehen.
Wichtiger Hinweis
Dieser Beitrag bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine Rechtsberatung und keine medizinische oder therapeutische Beratung im Einzelfall.
Stand:
Quellen
- Micai et al. (2023): Prevalence of co-occurring conditions in children and adults with autism spectrum disorder: A systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 155:105436 (öffnet auf einer anderen Website)
- AWMF S3-Leitlinie: Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter – Diagnostik (Registernummer 028-018) (öffnet auf einer anderen Website)
- Antshel, K. M. & Russo, N. (2019): Autism Spectrum Disorders and ADHD: Overlapping Phenomenology, Diagnostic Issues, and Treatment Considerations. Current Psychiatry Reports, 21(5), 34 (öffnet auf einer anderen Website)