Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte
Mythen & Fakten
Kurz gesagt: Verbreitete Vorstellungen über Autismus im Vergleich mit dem heutigen Wissensstand.
Verwandte Themen: Sprache & Begriffe, Was ist Autismus? und Ist Autismus vererbbar?
Was bedeutet das?
Über Autismus kursieren viele Vorstellungen, die dem heutigen Forschungsstand nicht entsprechen. Hier einige verbreitete Annahmen im Vergleich zum aktuellen Wissensstand.
Verbreitete Annahmen im Vergleich
“Autistische Menschen wollen keinen sozialen Kontakt.” Die Forschung stellt diese pauschale Annahme zunehmend infrage: Jaswal und Akhtar (2019) argumentieren, dass äußerlich zurückhaltend wirkendes Verhalten nicht zwangsläufig fehlendes soziales Interesse bedeutet, sondern auch andere Kommunikationsformen, sensorische Überforderung oder Unsicherheit widerspiegeln kann. Viele autistische Menschen wünschen sich soziale Verbindung – oft auf eine andere Art, als es gesellschaftlich erwartet wird.
“Autismus ist eine Kinderkrankheit, die man ‘herauswächst’.” Autismus ist eine lebenslange, entwicklungsbezogene Diagnose. Sie verschwindet nicht im Erwachsenenalter, auch wenn sich Bewältigungsstrategien und der Umgang mit einzelnen Merkmalen verändern können. Mehr dazu: Autismus im Erwachsenenalter.
“Autismus zeigt sich bei allen gleich.” Autismus ist ein Spektrum sehr unterschiedlicher individueller Ausprägungen – in Sprache, Unterstützungsbedarf, Interessen und Alltagserleben. Zwei autistische Menschen können sich in ihrem Alltag stark unterscheiden.
“Autistische Menschen haben kein Einfühlungsvermögen.” Das Double-Empathy-Modell stellt diese Annahme infrage: Verständigungsprobleme zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen entstehen häufig auf beiden Seiten, nicht nur bei einer. Mehr dazu: Soziale Situationen & Double Empathy.
“Autismus wird durch Impfungen verursacht.” Eine große evidenzbasierte Meta-Analyse von Fall-Kontroll- und Kohortenstudien (Taylor et al., 2014) findet keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus. Diese Annahme gilt als wissenschaftlich widerlegt und wird von großen Gesundheitsorganisationen ausdrücklich zurückgewiesen. Die genauen Ursachen von Autismus sind komplex und noch nicht vollständig erforscht; ein Zusammenhang mit Impfungen gehört nicht dazu.
“Nur Jungen sind autistisch.” Autismus tritt bei allen Geschlechtern auf. Mädchen und Frauen werden aus unterschiedlichen Gründen häufiger übersehen oder später diagnostiziert. Mehr dazu: Autismus bei Frauen und Mädchen.
“Autistische Menschen vermeiden Blickkontakt, weil sie unehrlich sind oder nicht zuhören.” Blickkontakt kann für manche autistische Menschen unangenehm, ablenkend oder kognitiv belastend sein. Weniger Blickkontakt bedeutet nicht automatisch Desinteresse, Unehrlichkeit oder fehlende Aufmerksamkeit. Mehr dazu: Kommunikation.
“Autistische Menschen verstehen keine Ironie.” Das trifft nicht pauschal zu. Manche autistische Menschen verstehen und nutzen Ironie problemlos, andere bevorzugen eindeutigere, direktere Sprache. Wie leicht indirekte Sprache verstanden wird, ist individuell verschieden.
“Autistische Menschen sind entweder hochbegabt oder schwer beeinträchtigt.” Intelligenz und Unterstützungsbedarf sind zwei unterschiedliche Dinge. Ein hoher IQ sagt wenig darüber aus, wie viel Unterstützung jemand im Alltag braucht – und ein hoher Unterstützungsbedarf sagt nichts über die Intelligenz einer Person aus.
“Wer arbeiten kann, braucht keine Unterstützung.” Äußerlich sichtbares Funktionieren – etwa im Job oder beim Studium – verrät wenig darüber, wie viel Energie das kostet oder welche Unterstützung im Hintergrund nötig ist. Mehr dazu: Masking und Autistischer Burnout.
“Meltdown und Shutdown sind dasselbe.” Autismuskompakt unterscheidet redaktionell zwischen einer eher nach außen sichtbaren, intensiven Reaktion (Meltdown) und einer eher nach innen gerichteten Reaktion mit reduzierter Kommunikation und Aktivität (Shutdown). Beide können bei starker Überlastung auftreten, sind aber nicht austauschbar. Mehr dazu: Meltdown und Shutdown.
“Wenn man eine autistische Person kennt, kennt man alle.” Autismus ist ein Spektrum sehr unterschiedlicher individueller Ausprägungen. Erfahrungen, Bedürfnisse und Strategien einer einzelnen autistischen Person lassen sich nicht auf die gesamte Community übertragen.
Was kann helfen?
- Bei unsicheren Behauptungen über Autismus nachfragen, worauf sie sich stützen.
- Aktuelle Fachquellen (Leitlinien, Fachgesellschaften, systematische Reviews) einzelnen persönlichen Eindrücken oder älteren Vorstellungen vorziehen.
- Berücksichtigen, dass Autismus sehr individuell ist – Aussagen über “autistische Menschen” pauschal gelten selten für alle gleichermaßen.
Stand:
Quellen
- WHO: ICD-11, Autism spectrum disorder (6A02), Clinical Descriptions and Diagnostic Requirements (öffnet auf einer anderen Website)
- Jaswal, V. K. & Akhtar, N. (2019): Being versus appearing socially uninterested: Challenging assumptions about social motivation in autism. Behavioral and Brain Sciences, 42, e82 (öffnet auf einer anderen Website)
- Taylor, L. E., Swerdfeger, A. L. & Eslick, G. D. (2014): Vaccines are not associated with autism: An evidence-based meta-analysis of case-control and cohort studies. Vaccine, 32(29), 3623–3629 (öffnet auf einer anderen Website)