Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte
Synästhesie
Kurz gesagt: Bei Synästhesie können Sinneseindrücke automatisch zusätzliche Wahrnehmungen auslösen.
Verwandte Themen: Autistische Wahrnehmung und Reizverarbeitung.
Was bedeutet das?
Synästhesie bezeichnet ein eigenständiges Wahrnehmungsphänomen, bei dem ein Sinneseindruck automatisch eine zusätzliche, meist unwillkürliche Wahrnehmung in einem anderen Bereich auslöst – zum Beispiel, wenn bestimmte Buchstaben oder Zahlen konstant mit bestimmten Farben verknüpft werden, oder Töne eine Farbwahrnehmung hervorrufen.
Wichtig ist hier eine klare Abgrenzung: Synästhesie ist nicht “autistisch”. Sie kommt in der Allgemeinbevölkerung vor, unabhängig von Autismus. Es gibt jedoch Forschungshinweise auf eine erhöhte Häufigkeit von Synästhesie in untersuchten autistischen Stichproben im Vergleich zu Kontrollgruppen. Das bedeutet nicht, dass jede autistische Person Synästhesie hat oder dass jede Person mit Synästhesie autistisch ist.
Wie kann sich das zeigen?
Synästhesie ist individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Beispiele aus der Forschung sind unter anderem:
- Buchstaben oder Zahlen werden konstant mit bestimmten Farben assoziiert (Graphem-Farb-Synästhesie).
- Töne oder Musik lösen Farbwahrnehmungen aus.
- Berührung oder Bewegung anderer Personen wird als eigene körperliche Empfindung mitgefühlt (Spiegel-Berührungssynästhesie).
Was wissen wir aus der Forschung?
Eine 2013 veröffentlichte Studie von Baron-Cohen und Kolleg:innen fand in einer autistischen Stichprobe eine höhere Rate an Synästhesie als in einer nicht-autistischen Vergleichsgruppe. Die Forschung zu einem möglichen Zusammenhang steht insgesamt noch am Anfang; mögliche gemeinsame Mechanismen in der sensorischen Verarbeitung werden diskutiert, sind aber nicht abschließend geklärt. Synästhesie bleibt unabhängig davon ein eigenständiges, gut erforschtes neurologisches Phänomen mit eigener Fachliteratur.
Was bedeutet das im Alltag?
Für Menschen mit Synästhesie ist die Verknüpfung von Sinneseindrücken meist lebenslang stabil und wird oft als selbstverständlicher Teil der eigenen Wahrnehmung erlebt, nicht als Störung.
Was kann helfen?
- Synästhetische Wahrnehmungen müssen nicht “wegtrainiert” werden – sie sind in der Regel kein Anzeichen eines Problems.
- Wenn Synästhesie mit sensorischer Überlastung zusammentrifft (z. B. viele Farbeindrücke bei ohnehin schon lauter Geräuschkulisse), können dieselben Strategien wie bei anderen Reizthemen helfen. Siehe Reizverarbeitung.
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