Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte
Stimming
Kurz gesagt: Was Stimming ist, welche Funktion es haben kann – und wann genauer hingeschaut werden sollte, statt es einfach zu unterbinden.
Für autistische Menschen
Stimming sind wiederholte Bewegungen, Geräusche oder andere sensorische Handlungen. Vielleicht wippst du, bewegst deine Hände, wiederholst bestimmte Geräusche, berührst Oberflächen oder brauchst bestimmte Bewegungen.
Stimming kann beruhigen, Konzentration unterstützen, Freude ausdrücken oder Spannung abbauen. Du musst harmloses Stimming nicht unterdrücken, nur weil es anderen auffällt.
Wenn ein Verhalten jedoch Schmerzen verursacht oder gefährlich wird, sollte nicht nur versucht werden, es zu stoppen. Dann ist wichtig herauszufinden, welche Funktion es erfüllt und welche sichere Alternative dieselbe Funktion übernehmen könnte.
Kurz gesagt: Du musst nicht lernen, möglichst wenig autistisch auszusehen. Entscheidend ist, was dir Kommunikation, Selbstbestimmung, Regulation und Teilhabe erleichtert.
Für Angehörige
Wippen, Handbewegungen, Geräusche oder andere wiederholte Handlungen können ungewohnt wirken.
Bevor du eingreifst: Ist das Verhalten wirklich schädlich – oder sieht es nur ungewöhnlich aus?
Stimming kann der Regulation, Konzentration oder Freude dienen. Wenn es ungefährlich ist und niemandem schadet, besteht nicht automatisch ein Grund, es zu unterbinden.
Bei selbstverletzendem oder gefährlichem Verhalten sollte dagegen genauer hingeschaut werden: Gibt es Schmerzen? Überlastung? Angst? Welche Funktion erfüllt das Verhalten?
Leitgedanke: So viel Unterstützung wie nötig – und so viel eigene Entscheidung wie möglich.
Für Fachkräfte
Repetitive Bewegungen und sensorische Handlungen können unterschiedliche Funktionen erfüllen. Autistische Selbstberichte beschreiben unter anderem Regulation, Konzentration, Emotionsausdruck und Wohlbefinden.
Die bloße Sichtbarkeit eines Verhaltens stellt deshalb keine ausreichende Interventionsindikation dar. Bei ungefährlichem Stimming sollte hinterfragt werden, welches therapeutische oder pädagogische Ziel eine Unterdrückung überhaupt verfolgt.
Bei selbstverletzendem oder gefährlichem Verhalten ist dagegen eine funktionale Analyse sinnvoll:
- Gibt es Schmerzen?
- Liegt akute Überlastung vor?
- Welche Funktion erfüllt das Verhalten?
- Welche sichereren Alternativen können dieselbe Funktion erfüllen?
- Welche Umweltfaktoren lassen sich verändern?
Ein Ziel wie “weniger auffälliges Verhalten” ist ohne funktionalen oder teilhabebezogenen Nutzen kein ausreichend personenzentriertes Therapieziel.
Stand:
Quellen
- WHO: ICD-11, Autism spectrum disorder (6A02), Clinical Descriptions and Diagnostic Requirements (öffnet auf einer anderen Website)
- Kapp SK et al. (2019): People should be allowed to do what they like: Autistic adults' views and experiences of stimming. Autism 23(7):1782-1792 (öffnet auf einer anderen Website)