Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte
Propriozeption
Kurz gesagt: Der Körpersinn hilft uns wahrzunehmen, wo sich unser Körper im Raum befindet und wie er sich bewegt.
Verwandte Themen: Reizverarbeitung, Interozeption und Dyspraxie.
Was bedeutet das?
Propriozeption ist der Körpersinn, der wahrnimmt, wo sich der eigene Körper und seine einzelnen Teile im Raum befinden, wie viel Kraft eine Bewegung braucht und wie sich der Körper gerade bewegt – auch ohne hinzusehen. Er ist an Muskeln, Sehnen und Gelenken angesiedelt und arbeitet meist unbewusst im Hintergrund.
Wie kann sich das zeigen?
Propriozeptive Verarbeitung kann unterschiedlich ausgeprägt sein. Das kann sich zum Beispiel zeigen als:
- Unter- oder Überschätzen der eigenen Kraft (z. B. Türen zu fest zuschlagen, Gegenstände zu fest oder zu locker greifen).
- Bedürfnis nach kräftigem Druck, Enge oder schwerem Gewicht, das als beruhigend erlebt wird (z. B. Gewichtsdecken, festes Anlehnen).
- Anstoßen an Möbel oder Türrahmen, weil die eigene Körpergrenze im Raum weniger genau eingeschätzt wird.
- Erhöhter Bewegungsdrang, um propriozeptive Rückmeldung zu bekommen (z. B. Wippen, Springen, Drücken gegen Widerstand).
Was wissen wir aus der Forschung?
Propriozeptive Verarbeitungsschwierigkeiten werden in der Forschung zu sensorischer Verarbeitung bei Autismus als ein möglicher, aber nicht bei allen autistischen Menschen auftretender Aspekt beschrieben. Sie werden häufig gemeinsam mit anderen sensorischen Besonderheiten und mit motorischen Auffälligkeiten untersucht. Wie stark und bei wem propriozeptive Unterschiede auftreten, ist individuell verschieden; eine einheitliche Aussage für “autistische Menschen” insgesamt lässt sich daraus nicht ableiten.
Was bedeutet das im Alltag?
Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Druck oder Bewegung ist kein “Fehlverhalten”, sondern kann eine Möglichkeit sein, propriozeptive Rückmeldung zu bekommen und sich dadurch zu regulieren.
Was kann helfen?
- Bewegungspausen, Druck (z. B. feste Umarmungen, Gewichtsdecken) oder Widerstandsübungen als Regulationsmöglichkeit anbieten, wenn sie als angenehm erlebt werden.
- Sportliche oder handwerkliche Tätigkeiten mit viel Krafteinsatz und Körperrückmeldung positiv nutzen.
- Bei ausgeprägten Alltagsschwierigkeiten (z. B. in Kombination mit motorischen Koordinationsproblemen) ergotherapeutische Unterstützung in Betracht ziehen.
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