Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte

Screeningtests: AQ, RAADS-R und CAT-Q

Kurz gesagt: Was AQ, AQ-10, RAADS-R und CAT-Q wirklich messen, warum ein hoher Wert keine Diagnose ist – und warum Autismuskompakt diese Fragebögen nicht als Test zum Ausfüllen einbettet.

Ein wichtiger Hinweis vorab: Autismuskompakt bettet keine vollständigen Testfragebögen zum Ausfüllen ein. Der Grund dafür steht am Ende dieses Beitrags. Wer die eigenen Erfahrungen trotzdem strukturiert anschauen möchte, findet dafür den Autismuskompakt-Orientierungscheck – ausdrücklich kein Screening-Test, sondern eine wertschätzende Orientierungshilfe.

Für autistische Menschen

Screeningtests sollen Hinweise geben, ob eine ausführlichere Abklärung sinnvoll sein könnte. Sie beantworten nicht zuverlässig die Frage: “Bin ich autistisch – ja oder nein?”

Sensitivität beschreibt vereinfacht, wie viele tatsächlich Betroffene ein Test erkennt. Spezifität beschreibt, wie viele Nichtbetroffene korrekt unauffällig bleiben. Für deine persönliche Aussagekraft reichen diese beiden Werte trotzdem nicht: Vorhersagewerte hängen stark davon ab, in welcher Population ein Test eingesetzt wird. Studien in klinischen Überweisungspopulationen zeigen deshalb oft deutlich schwächere Ergebnisse als klassische Fall-Kontroll-Studien.

Ein Cut-off ist also kein biologischer Grenzstein zwischen “autistisch” und “nicht autistisch”.

AQ, AQ-10, RAADS-R und CAT-Q – was sagen sie wirklich?

AQ/AQ-10: Der AQ erfasst autistische Merkmale. NICE nutzt den AQ-10 bei Erwachsenen ohne moderate oder schwere Intelligenzminderung als mögliches vorgeschaltetes Instrument; ab 6 Punkten soll nach NICE eine umfassende Diagnostik angeboten werden. Wichtig: Auch bei niedrigerem Wert kann klinischer Verdacht eine Diagnostik rechtfertigen. Studien aus realen Diagnostikdiensten zeigen, dass der AQ eine Diagnose nicht zuverlässig vorhersagt.

RAADS-R: Der RAADS-R wird online häufig wie ein diagnostischer Test behandelt. NICE nennt ihn als mögliches Hilfsmittel in komplexeren Erwachsenenassessments, nicht als alleinige Diagnose. Die Studienlage zur Vorhersagekraft als Selbstscreening ist gemischt: Eine NHS-Stichprobe fand unzureichende prädiktive Validität, während eine neuere deutsche Validierungsstudie gute Trennwerte berichtete. Unterschiedliche Stichproben und Designs erklären einen Teil dieser Unterschiede. Ein einzelner Score ist deshalb kein Diagnoseurteil.

CAT-Q: Der CAT-Q erfasst Camouflaging-Strategien wie Kompensation, Masking und Assimilation. Er ist kein Autismusscreener und diagnostiziert keinen “versteckten Autismus”. Auch nichtautistische Personen können Camouflaging berichten.

Für Angehörige

Online-Fragebögen können Hinweise geben, aber sie diagnostizieren nicht. Ein hoher Wert ist kein Beweis, ein niedriger Wert kein sicherer Ausschluss.

NICE empfiehlt bei bestimmten Erwachsenen den AQ-10 als mögliches vorgeschaltetes Instrument. Die eigentliche Diagnose bleibt eine umfassende klinische Beurteilung. Studien aus klinischen Populationen zeigen, dass Vorhersagewerte von AQ und ähnlichen Fragebögen deutlich schwächer sein können als populäre Online-Darstellungen vermuten lassen.

Beim RAADS-R ist die Evidenz zur Nutzung als vorgelagertes Selbstscreening uneinheitlich. Der CAT-Q misst Camouflaging und ist kein Autismustest.

Für Fachkräfte

Sensitivität und Spezifität sind Eigenschaften eines Tests in einer definierten Untersuchungssituation. Für die klinische Entscheidung sind positive und negative Vorhersagewerte ebenso wichtig – und diese verändern sich mit Prävalenz, Vorselektion und Zusammensetzung der untersuchten Population.

Deshalb lassen sich Kennwerte aus ausgewählten Fall-Kontroll-Stichproben nicht direkt auf eine hoch vorselektierte Diagnostikambulanz übertragen. Genau das zeigen Studien zum AQ und RAADS-R. Ein Cut-off sollte einen diagnostischen Prozess strukturieren, nicht ersetzen.

AQ und AQ-10: NICE empfiehlt den AQ-10 für Erwachsene ohne moderate oder schwere Intelligenzminderung als mögliches Instrument zur Identifikation eines weiter abklärungsbedürftigen Verdachts. In einer klinischen Überweisungspopulation mit 476 Erwachsenen sagte der Selbstbericht-AQ die spätere klinische Diagnose nicht zuverlässig voraus; die Spezifität und der negative Vorhersagewert waren niedrig. Folgerung: AQ-Werte sind Hypothesengeneratoren, keine Diagnosen.

RAADS-R / deutsche RADS-R: NICE führt den RAADS-R als mögliches formales Instrument zur Unterstützung komplexerer Erwachsenenassessments auf, nicht als Empfehlung, den Fragebogen online als alleinigen Selbsttest zu verwenden. Jones et al. (2021) fanden in einer NHS-Diagnostikstichprobe keine ausreichende prädiktive Validität als vorgeschaltetes Screening. Eine neuere deutsche Validierungsstudie berichtete dagegen hohe Sensitivität und Spezifität für die deutsche RADS-R in ihrer Stichprobe; die Gruppen waren dort jedoch unter anderem durch bereits bestehende Diagnosen zusammengesetzt. Die scheinbare Diskrepanz ist kein Grund, eine Studie “auszuwählen” – sie zeigt, wie stark Testgüte von Design und Population abhängt.

CAT-Q: Der CAT-Q wurde als Selbstberichtsinstrument zur Erfassung von Camouflaging entwickelt und misst Strategien wie Kompensation, Masking und Assimilation. Er ist kein Autismusscreening und kein Diagnosetest. Für die Diagnostik kann der CAT-Q Anlass geben, nach kompensatorischen Strategien und innerem Aufwand zu fragen – ein hoher Wert ist kein Beweis für Autismus.

Tests auf einer Website: wissenschaftlich bekannt heißt nicht frei nutzbar

Für Autismuskompakt sollte vor jeder Einbettung eines Fragebogens getrennt geprüft werden: wissenschaftlicher Zweck, Zielgruppe, deutsche Validierung, Urheberrecht, Lizenzbedingungen und insbesondere elektronische Nutzungsrechte.

Beispiel M-CHAT-R/F: Die Rechteinhaber:innen erlauben den kostenlosen Download für klinische, wissenschaftliche und Bildungszwecke. Für elektronische Reproduktion zur Nutzung durch andere – etwa in Software oder auf einer Website – ist nach den aktuellen offiziellen Nutzungsbedingungen eine vorherige Genehmigung erforderlich.

Die sichere redaktionelle Lösung ist deshalb: erklären, einordnen und auf die autorisierte Originalquelle verlinken, statt Items ungeprüft zu reproduzieren. Genau deshalb bettet Autismuskompakt keine Items oder vollständigen Fragebögen ein, solange wissenschaftliche Eignung, deutsche Fassung und elektronische Nutzungsrechte nicht eindeutig geklärt sind.

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Wichtiger Hinweis

Dieser Beitrag bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine Rechtsberatung und keine medizinische oder therapeutische Beratung im Einzelfall.

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Quellen