Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte
Alexithymie
Kurz gesagt: Wenn es schwerfällt, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu unterscheiden oder in Worte zu fassen.
Verwandte Themen: Interozeption und Kommunikation.
Was bedeutet das?
Alexithymie beschreibt Schwierigkeiten, eigene Gefühle wahrzunehmen, voneinander zu unterscheiden und in Worte zu fassen. Ganz wichtig: Alexithymie ist kein Diagnosekriterium für Autismus. Sie ist ein eigenständiges Konstrukt, das in der Allgemeinbevölkerung vorkommt und auch bei nicht-autistischen Menschen auftritt.
In der Autismusforschung wird diskutiert, dass Alexithymie bei autistischen Menschen im Durchschnitt häufiger vorkommt als in der Allgemeinbevölkerung (die sogenannte “Alexithymie-Hypothese”). Ein einflussreicher Ansatz von Bird und Cook (2013) schlägt vor, dass ein Teil dessen, was früher pauschal als “typisch autistische” emotionale Besonderheit beschrieben wurde, tatsächlich eher mit einer begleitenden Alexithymie zusammenhängen könnte – und weniger mit Autismus selbst.
Wie kann sich das zeigen?
Nicht jeder autistische Mensch hat eine Alexithymie, und nicht jede Person mit Alexithymie ist autistisch. Wo sie auftritt, kann sich das zum Beispiel zeigen als:
- Schwierigkeiten, zu benennen, welches Gefühl gerade vorliegt (z. B. Anspannung, Ärger oder Angst voneinander zu unterscheiden).
- Körperliche Signale (Herzklopfen, Anspannung) werden zwar bemerkt, aber nicht eindeutig einem Gefühl zugeordnet.
- Gefühle werden manchmal erst rückblickend oder über den Umweg körperlicher Symptome erkannt.
Was wissen wir aus der Forschung?
Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse (Kinnaird et al., 2019) findet in autistischen Stichproben im Durchschnitt höhere Alexithymie-Werte als in Vergleichsgruppen – mit deutlicher Streuung zwischen einzelnen Personen. Alexithymie wird zunehmend als eigenständige, mit Autismus gemeinsam auftretende Eigenschaft verstanden (Komorbidität/Überlappung), nicht als Bestandteil der Autismus-Diagnosekriterien selbst. Wie stark Alexithymie bestimmte autistische Erfahrungen (z. B. im Bereich Emotionsregulation) mitbeeinflusst, ist weiterhin Gegenstand aktiver Forschung.
Was bedeutet das im Alltag?
Schwierigkeiten, eigene Gefühle einzuordnen, können die Kommunikation über das eigene Befinden erschweren – etwa gegenüber Ärzt:innen, Therapeut:innen oder nahestehenden Menschen. Das ist nicht gleichbedeutend mit fehlendem Mitgefühl oder fehlender emotionaler Tiefe.
Was kann helfen?
- Gefühle über konkrete körperliche Signale statt über abstrakte Gefühlsnamen beschreiben lernen.
- Emotionsskalen, Wortlisten oder visuelle Hilfsmittel zur Einordnung von Gefühlen nutzen.
- Angehörigen und Fachkräften: nicht von “kein Gefühl” auf “keine Emotion” schließen – die Wahrnehmung, nicht das Erleben selbst, kann betroffen sein.
Stand:
Quellen
- Bird, G. & Cook, R. (2013): Mixed emotions: the contribution of alexithymia to the emotional symptoms of autism. Translational Psychiatry, 3, e285 (öffnet auf einer anderen Website)
- Kinnaird, E., Stewart, C. & Tchanturia, K. (2019): Investigating alexithymia in autism: A systematic review and meta-analysis. European Psychiatry, 55, 80–89 (öffnet auf einer anderen Website)